Das Unternehmen Hammelburg

 

 

Im März 1945 war Lieutenant-General George S. Patton jr. der Kommandierende General der Third US Army. Er war der vielleicht beliebteste und am meisten gefeierte General seit Ulysses S. Grant, dem Helden aus dem Bürgerkrieg. Viele waren der Meinung, daß seine Panzer den Krieg in Europa gewonnen hatten. Im Handstreich hatte eine seiner Divisionen in der Nacht des 22. März 1945 mit kleinen Booten den Rhein überquert. Somit war Patton seinem britischen Gegenspieler Field-Marshal Berhard Law Montgomery wieder zuvor gekommen. Mit hohem Tempo stießen nun die Divisionen der Third US Army bis zur Main-Line vor.

Lieutenant-General George S. Patton jr.

(Foto: US National Archives)

In dieser Situation, als der Krieg in Europa fast gewonnen war, erhielt die 4th US Armored Division einen seltsamen Befehl vom XIIth US Corps. Es sollte ein Kampfverband zusammengestellt werden, der Kriegsgefangene in einem Lager bei Hammelburg, ungefähr 80 km hinter den feindlichen Linen, befreien sollte. Das sogenannte "Unternehmen Hammelburg war eine geheime und umstrittene Operation, die während des laufenden Gefechts geplant und durchgeführt wurde. Den Befehl hierzu gab Patton persönlich, Captain Abraham J. Baum führte die Mission im Zeitraum 26 - 28. März 1945.Captain Baum hatte den Auftrag durch die deutschen Linien zu durchbrechen und US-Kriegsgefangene im Lager OFLAG XIII-B, in der Nähe von Hammelburg zu befreien. Offiziell war es eine Befreiungsaktion, aber in Wahrheit sollte Patton´s Schwiegersohn, LtC John K Waters, der seit seiner Gefangennahme 1943 am Kasserine Pass in deutscher Gefangenschaft war, befreit werden.

Lieutenant Colonel John K. Waters

Lieutenant-Colonel John K. Waters

(Foto: Pat Waters)

Lager Hammelburg wurde 1895 als Ausbildungseinrichtung für die Königlich Bayerische Armee errichtet. Während des Ersten Weltkriegs befand sich dort ein Kriegsgefangenenlager. Nach 1935 wurde es wieder Ausbildungseinrichtung für die Wehrmacht. Im Zweiten Weltkrieg benutzte die Wehrmacht Teile des Lagers für zwei Kriegsgefangenenlager.

OFLAG XIII-B Hammelburg (Foto: Carl Wolfram)

OFLAG XIII-B war ein großes Kriegsgefangenenlager für Offiziere, daß zunächst mit Serben belegt war. Im Januar 1945, nach der Ardennenoffensive, wurde das Lager rasch in zwei Teilbereich abgetrennt. Einer für serbische, der andere für amerikanische Offiziere. Die Unterbringung der Kriegsgefangenen erfolgte in soliden Steingebäuden. Die ungefähre Belegungsstärke betrug 3.000 Serben und 1.500 Amerikaner. Neben dem Offizierlager gab es noch ein weiteres Lager - STALAG XIII-C. Dies war ein großes Kriegsgefangenenlager für Unteroffiziere und Mannschaften. Es bestand aus drei Teilbereichen, einem für britische und Commonwealth Soldaten, einem für amerikanische Soldaten und einem für sowjetische Soldaten. Das Lager befand sich in der Nähe vom Lager Hammelburg, an der Straße zum Truppenübungsplatz. Die Belegungsstärke lag bei ungefähr 10.000 Soldaten, von denen eine große Anzahl in sogenannten Arbeitskommandos in den umliegenden Ortschaften arbeitete. 

Als die Sowjet Armee im Winter 1944 ihren Angriff nach Westen auf die Reichsgrenzen fortsetzte, wurde das Kriegsgefangenenlager OFLAG 64 in Schubin (Alt-Bergund) am 21. Januar 1945 geräumt. Im kalten Winter marschierten 1.290 US Kriegsgefangene in Richtung des Reiches, ihr Ziel war Hammelburg. Unter den Gefangenen befand sich John K. Waters, der Ehemann von Beatrice Patton - General Patton´s Tochter. Colonel Paul Goode war der rangälteste amerikanische Offizier des Lagers. Er erstellte eine Namensliste der Kriegsgefangenen des Lager für das Internationale Rote Kreuz zusammen. Diese Liste half dem US-Nachrichtendienst festzustellen, wo sich die gefangenen Offiziere befanden. Nachdem sie in 7 Wochen fast 550 km marschiert waren - den größten Teil zu Fuß, erreichten die Männer am 9. März 1945 das Lager Hammelburg im Bahntransport. Nachdem die Kriegsgefangenen aus Schubin im OFLAG XIII-B angekommen waren, stieg die Zahl der Kriegsgefangenen auf über 1.500 Amerikaner an. Die Lebensbedingungen im Lager waren für die Gefangenen katastrophal.

 

Am 26. März 1945 stellte LtCol Creighton Abrams, der Kommandeur des Combat Commands B - 4th US Armored Division, einen speziellen Kampfverband zusammen. Dieser bestand aus einer Kompanie mittlerer Panzer (M4 Sherman) und einem Zug leichter Panzer (M5A1 STUART) vom 37th Tank Battalion, sowie einer Kompanie Armored Infantry (M3 Halbkettenfahrzeug), Kommando- und Versorgungsteile, einem Aufklärungszug (Jeeps) und einem Sturmgeschützzug (M4A3 105 mm) vom 10th Armored Infantry Battalion. Insgesamt betrug die Kampfstärke 314 Soldaten und 57 Fahrzeuge. Captain Abraham Baum wurde ausgewählt, das Unternehmen zu führen. Der Beginn war auf 21:00 Uhr des selben Tages festgelegt, nach einer Artillerievorbereitung auf dei Ortschaft Schweinheim. General Patton hatte seinen Adjutanten, Major Alexander Stiller, mitgeschickt, um sicher zu gehen, daß LtCol Waters identifiziert und zurückgebracht werden konnte. Niemand im Kampfverband ahnte bis dato etwas davon.

Captain Abraham J. Baum (Foto von 1948)

Am Abend der 26. März 1945 wartete die Task Force Baum hinter einem Hügel im amerikanischen Brückenkopf östlich des Mains und südlich von Aschaffenburg. Zwei Kompanien mit Panzern und Infanterie sollten eine Bresche in die die deutsche Frontlinie bei Schweinheim schlagen. Für diesen Angriff waren 30 Minuten vorgesehen, doch man stieß auf heftigen Widerstand und verlor zwei Panzer. Es dauerte Stunden, bis Baum´s Kampfverband in den frühen Morgenstunden aufbrechen konnte und endlich durch die deutschen Linien gelangte. Der Kampfverband kam auf der Reichsstraße 26 durch den Spessart gut voran. Sie durchquerten Lohr und konnten anschließend einige deutsch Züge zerstören. Baum ahnte nicht, daß die Gegend der Aufmarschraum für eine deutsche Division war. Um ca. 08:00 Uhr erreichte die Kolonne Gemünden. Die Stadt war tags zuvor bombardiert worden und hatte keine Telefonverbindungen mehr, keine Warnmeldungen kamen durch. Die deutschen Truppen wurden von der Ankunft der Amerikaner überrascht. Trotzdem trafen sie auf heftigen Widerstand von einer Kompanie deutscher Pioniere. Eine Brücke wurde gesprengt und die Task Force Baum verlor drei Panzer und einen Zug Infanterie, die von den Deutschen gefangen genommen wurden.

Task Force Baum trifft auf hartnäckigen Widerstand in Gemünden

Task Force Baum zog sich zurück und mußte eine andere Route finden. Captain Baum forderte über Funk Luftunterstützung an. Sie fuhren in nördlicher Richtung weiter und fanden bei Burgsinn eine weitere Brücke. Unterwegs griffen sie Deutsche auf, die ihnen den Weg in Richtung Hammelburg zeigen mußten. Im weiteren befreiten sie 200 russische Kriegsgefangene. Um ca. 14:00 Uhr erreichten sie wieder die Reichsstraße die nach Hammelburg führte. Der Kampfverband hing mittlerweile 6 Stunden dem Zeitplan hinterher. Zwischen Burgsinn und Gräfendorf wurde die Kolonne von einem deutschen Aufklärungsflugzeug entdeckt. Der Pilot meldete den Standort und die Stärke der Task Force Baum, wodurch die Deutschen Gegenmaßnahmen einleiten konnten.

 

Bevor sie Hammelburg erreichten, geriet die Task Force Baum in einen deutschen Hinterhalt. Die Deutschen hatten Panzerjäger vom Typ Hetzer herangeführt, welche die amerikanischen Panzer nun erwarteten. Im nachfolgenden Panzergefecht im Saale-Tal verlor Captain Baum 4 Halbkettenfahrzeuge und drei Jeeps. Unter dem Feuerschutz der Sherman Panzer fuhr der Rest des Kampfverbandes den Hügel zum Lager Hammelburg hinauf. Um ca. 16:00 Uhr erreichte der Kampfverband das Hochplateau und stoppte in einiger Entfernung zum Lager. Einige der deutschen Wachen begannen zu schießen. Daraufhin wurde der serbische Lagerteil unter Beschuß genommen, weil man die serbischen Offiziere in ihren grauen Uniformen für Deutsche hielt. LtCol Waters und drei Mann, einschließlich eines deutschen Offiziers, gingen freiwillig zum Lager hinaus, um die Amerikaner auf ihren Irrtum aufmerksam zu machen. Während sie sich der Kolonne näherten, schoß ein deutscher Soldat auf Waters und verletzte ihn im Unterleib, weil er dachte sie wollten das Lager übergeben. Waters wurde ins Lager zurück gebracht und im Lagerhospital von einem serbischen Arzt versorgt.

US Panzer zerstört den Zaun vom OFLAG XIII-B (14th US Armd Div)

Mit 30 % Verlusten an Männern und Fahrzeugen, hatte die Task Force Baum ihr Ziel erreicht. Die befreiten Kriegsgefangenen kamen jubelnd aus dem Lager gerannt und begrüßten ihre Befreier. Captain Baum erkannte sofort das im Lager viel mehr als die 300 erwarteten Offiziere waren, die man ursprünglich plante zu befreien. Er diskutierte die Lage mit Colonel Goode und sagte ihm, daß er nicht alle Kriegsgefangenen mit zurück nehmen könne. Die anderen konnten wählen zwischen: sich auf eigene Faust durchschlagen oder warten bis die endgültige Befreiung käme.

 

Nach einer längeren Pause trat die Task Force Baum um ca. 20:00 Uhr den Rückmarsch an. Die Deutschen hatten inzwischen das Gebiet eingekreist. Der Kampfverband bewegte sich zunächst in südwestlicher Richtung, nach ein paar Kilometern entdeckte man eine deutsche Panzersperre. Daraufhin drehte Baum nach Norden ab und entdeckten nach einer Weile eine weiter deutsche Panzersperre. Der einzig verbleibende Weg führte nun nach Westen. Captain Baum erkannte nicht, daß sie sich inmitten eines deutschen Truppenübungsplatzes mit Schießbahnen befanden.

 

In der Nähe von Hessdorf erreichten Baum die Reichsstraße und bog nach Norden ab, in der Hoffnung wieder Anschluß an die 4th US Armored Division zu finden. In den nächsten Ortschaft - Höllrich, fuhr die Kolonne in einen deutschen Hinterhalt. Der erste Panzer wurde von einer deutschen Panzerfaust getroffen. Die Deutschen fuhren diesen Panzer in einen Garten und setzten ihn nun gegen die folgenden amerikanischen Panzer ein. Drei weitere amerikanische Sherman Panzer wurden vernichtet.

 

Nachdem der Rest der Task Force Baum in den frühen Morgenstunden eine Lichtung bei der Höhe 427 erreicht hatte, gruppierte sie erneut um. Captain Baum ahnte nicht, daß sich auf der Kuppe des Berges ein deutscher Beobachtungsposten befand, der Baum´s Bewegungen den ganzen Tag gemeldet hatte. Einige der Halbkettenfahrzeuge wurden enttankt, um Treibstoff zu gewinnen. Mit gerade genug Treibstoff für den Rückmarsch, wartete Captain Baum den Tagesanbruch ab, um bei guter Sicht zurück marschieren zu können. Captain Baum sprach mit Colonel Goode, daß der Rückmarsch mit Kampf verbunden sei und daß viele Kriegsgefangene getötet werden könnten. Colonel Goode sah den Zustand seiner Männer. Sie waren nicht mehr in der Lage, sich zu den amerikanischen Linien durchzuschlagen. Er riet ihnen, daß die Maße der gehfähigen Verwundeten mit ihm ins Lager zurück marschieren sollte. Colonel Goode entschied, daß der Rest des Kampfverbandes nicht durch sie behindert werden sollte und so begannen sie unter einer weißen Fahne ins Lager zurück zu marschieren.

Höhe 427 - Reussenberg

Baum gab den Marschbefehl kurz nach Sonnenaufgang des 28. März 1945. Als die Kolonne gerade anrollte, erhielten sie Beschuß von allen Seiten. Während der Nacht hatten die Deutschen Truppen in den Bereich Hammelbug verlegt. Am Morgen traf Hauptmann Walter Eggemann ein, der das Kommando über den Gegenangriff übernahm. Während sich Baum´s Männer ausruhten, hatten die Deutschen in der Nacht Truppen herangeführt. Um ca. 09:00 Uhr eröffneten sie das Feuer mit Panzerjägern und Granatwerfen auf das erste Zeichen einer Bewegung. Captain Baum wußte daß es kein Entkommen mehr gab und befahl, daß jeder für sich selbst entkommen sollte. Das Gefecht dauerte ungefähr 20 Minuten, bevor die Überlebenden, denen die Flucht in die Wälder nicht gelungen war, von den Deutschen herausgeholt wurden.

 

Captain Baum konnte entkommen, wurde aber kurze Zeit später von den Deutschen gefangen genommen. Er wurde dabei ins Bein geschossen als er sich zur Wehr setzte. Im Lager Hospital traf er mit LtCol Waters zusammen. Hier warteten sie ab, bis das Lager am 5. April 1945 von der 14th US Armored Division befreit wurde - nur 10 Tage nach dem mißglückten Befreiungsversuch der Task Force Baum. Ironischer Weise sorgten der mißglückte Befreiungsversuch und die Verletzung dafür, daß John K. Waters früher befreit wurde. Andernfalls hätte man ihn auch auf den Marsch in ein anders Lager tiefer in Deutschland mit den anderen Gefangenen geschickt. Nachdem Captain Baum zur 4th US Armored Division zurückgekehrt war, wurde ihm am 10. April 1945 das Distinguished Service Cross verliehen worden.

 

Das Unternehmen hatte in einer Katastrophe geendet; von den 314 Offizieren und Mannschaften  wurden 26 getötet. Nur wenigen gelang es sich zu den amerikanischen Linien durchzuschlagen, der Rest wanderte in deutsche Gefangenschaft. Die 57 Panzer, Halbkettenfahrzeuge und Jeeps wurden zerstört, oder von den Deutschen erbeutet. General Patton erklärte später, er hätte nicht genau gewußt, ob sich sein Schwiegersohn im Lager Hammelburg befand. Er sagte, sein Ziele war es amerikanische Gefangene zu befreien und die Deutschen über die tatsächliche Angriffsrichtung der Third Army zu täuschen. In seinen eigenen Memoiren räumte er später ein: "Ich wage zu behaupten - daß ich während des gesamten Feldzuges in Europa nur einen Fehler begangen habe, als ich es unterließ, ein Combat Command nach Hammelburg zu schicken."

2002 © Copyright Peter Domes -  Datum der letzten Änderung: 23.09.13