Die deutschen Führer

Als die Deutschen die Saale-Brücke bei Gemünden sprengten, war der direkte Weg nach Hammelburg blockiert. Die einzige Möglichkeit die Stadt zu umgehen, war dem Fluß Sinn nach Norden zu folgen und eine Brücke und eine Straße nach Hammelburg zu finden. Captain Baums 1:100.000 Karten endeten 20 km weiter bei Obersinn. Das Gelände war sehr schwierig, es gab eine unzählige kleine Wege, er brauchte somit dringend einen örtlichen deutschen Führer.

Der erste Mann, der aufgegriffen wurde, war Anton Brückner. Während eines Stops in Rieneck wurde er gezwungen die Panzerkolonne zu begleiten. Er war ein älterer Mann. Es wird zur Zeit noch nach seinem Schicksal nachgeforscht

Den zweiten Mann, den er fand war der 24-jährige Luftwaffen-Unteroffizier Friedrich Stübinger. Unteroffizier Stübinger war auf dem Fliegerhorst Langendiebach bei Hanau stationiert gewesen und hatte sich mit einigen Kameraden beim Herannahen der Amerikaner nach Burgsinn abgesetzt. Am 27.03.1945 lief die Bevölkerung von Burgsinn am Rathaus zusammen, da man von den anrückenden Amerikanern gehört hatte. 

Friedrich Stübinger

(Foto: Edith Wolf)

Ein deutscher General des Heeres, der zufällig durch Burgsinn kam, befahl Unteroffizier Stübinger und einem Leutnant aus seinem Stabe eine Aufklärungsfahrt durchzuführen. Unteroffizier Stübinger und der Leutnant fuhren mit einem Motorrad Richtung Rieneck um zu sehen, wo sich die Amerikaner befänden. Als sie vor Rieneck über eine Hügelkuppe fuhren, wurden sie von den Amerikanern entdeckt und gefangen genommen. Unteroffizier Stübinger mußte sich auf den ersten Panzer setzten, der Leutnant wurde zu einem anderen Fahrzeug gebracht. Alle Beteuerungen, daß sich er sich in dieser Gegend nicht auskenne, wurden einfach ignoriert. Er blieb beim Kampfverband bis zu dessen Zerschlagung am nächsten Morgen.

 

Franz-Josef Bechold 1942

(Foto: Richard Bechold)

Am Ortseingang von Burgsinn wurde ein weiterer Deutscher aufgegriffen. Franz-Josef Bechold, 36 Jahre alt, hatte seine rechten Arm an der Ostfront verloren. Er besah sich den Kampfverband, wurde jedoch durch ein auf ihn gerichtetes MG zum Mitkommen "eingeladen". Im Ort walzten die Panzer das Motorrad des Dorfpolizisten platt. Durch die Tatsache, das Franz Josef Bechold kein Englisch sprach und nur einen Arm hatte wurde er in Burgsinn wieder frei gelassen und durfte nach Hause gehen. Am 28.03.1945 wurde er durch SS-Truppen im örtlichen Gefängnis eingesperrt, weil er dem Feind geholfen hatte. Nach dem Abzug der SS wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt.

Der vierte Deutsche der aufgegriffen wurde, war der 21-jährige Fähnrich Karl Kessler aus Burgsinn. Fähnrich Kessler war Pionier und auf Genesungsurlaub von einer Armverwundung an der Ostfront. Er wurde vom Bürgermeister der amerikanischen Panzerspitze entgegen geschickt um zu sagen, daß sich keine deutschen Truppen in Burgsinn befinden und das der Ort nicht verteidigt würde. Am Ortsrand von Burgsinn traf er auf den Kampfverband und erzählte Captain Baum, von der kleinen Sinn-Brücke bei Burgsinn und der Straße nach Hammelburg. Er mußte sich neben Unteroffizier Stübinger auf den Panzer setzen und den Weg dorthin zeigen.

Fähnrich Karl Kessler 1945

(Foto: A. Kessler)

Im Ort nahmen den Amerikaner auch den deutschen General gefangen. Karl Kessler und Friedrich Stübinger führten die Panzerspitze nach Gräfendorf. Der Weg zwischen Burgsinn und Gräfendorf war schmal, nicht asphaltiert und sehr steil. Die beiden befürchteten, die Amerikaner könnten annehmen, sie würden ihnen den falschen Weg zeigen. Zwischen Burgsinn und Gräfendorf befreiten die Amerikaner ca. 100 sowjetische Kriegsgefangene. Nach 15 endlosen Kilometern erreichten sie Gräfendorf. Fähnrich Kessler sagte zu Captain Baum, daß er starke Schmerzen in seinem Arm hätte und so wurden er frei gelassen. Er mußte sich einige Tage verstecken, da die SS nach ihm suchte. 10 Tage später wurde Fähnrich Kessler von Soldaten der 14th Armored Division gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager nach Marseille/Frankreich gebracht.

In Gräfendorf hielt die Kolonne im Ortskern in der Nähe der Schondra-Brücke an. Die Bevölkerung kam aus den Häusern um die Amerikaner zu sehen. Captain Baum forderte vom Bürgermeister einen Führer, um den Weg nach Hammelburg zu zeigen. Der Bürgermeister fragte Anton Försch, einen 57-jährigen Schäfer, ob er den Amerikanern den Weg nach Hammelburg zeigen könnte. Anton Försch mochte die Nazis nicht und war als Querulant im Dorf bekannt. Dies war die passende Möglichkeit für den Bürgermeister diesen Mann los zu werden.

Anton Försch 1950

(Foto: Maria Schmelz)

Anton Försch wurde auf den Führungspanzer gesetzt und die Kolonne marschierte weiter Richtung Hammelburg. Sie kamen durch Michelau und überquerten eine weitere winzige Brücke über die Saale. Anton Försch dachte über sein Schicksal nach. Wenn er den Weg nach Hammelburg zeigen würde, würde er von der SS erschossen werden. Wenn er die Kolonne falsch führen würde, konnte er von den Amerikanern erschossen werden. Bevor sie Weickersgrüben erreichten, fragten die Amerikaner nach "Oschenstall" (gemeint war Ochsental) Das war die Gelegenheit für Anton Försch aus dem Dilemma heraus zu kommen. Er stellte sich "dumm". In Weickersgrüben führte er die Kolonne nach Norden in eine Sackgasse. Er sagte er wäre vorher nie so weit aus seinem kleinen Dorf heraus gekommen und wußte nicht weiter. Bevor die Straße in einen engen Pfad mündete gab es ein Dorfgasthaus - Grüner Baum. Anton Försch kannte den Wirt.

Karl Stürzenberger 1998

(Photo: Artur Hurrlein)

Die Amerikaner gingen in das Gasthaus und forderten den Wirt Karl Stürzenberger auf mit ihnen zu kommen um den Weg nach Hammelburg zu zeigen. Er sagte daß seine Frau noch im Wochenbett läge, da sie einen Tag zuvor entbunden hatte. Die Amerikaner zeigten sich unbeeindruckt und er mußte die Kolonne begleiten. Anton Försch sagte den Amerikanern daß er von keinem Nutzen mehr sei und so wurde er mit zwei Armeedecke ausgestattet, nach Hause geschickt. In der nächsten Nacht kam die SS in sein Haus und wollte ihn festnehmen, weil er den Amerikanern geholfen hätte. Anton Försch sagte ihnen, daß er im Auftrag des Bürgermeisters gehandelt hätte und so zogen sie wieder ab.

Karl Stürzenberger führte die Kolonne bis an der Kreuzung der Reichsstraße 27. Er sagte Captain Baum, daß die Straße ins Tal nach Hammelburg führen würde und der schmale Weg über die Kreuzung direkt zum Lager Hammelburg. Captain Baum entschied der R 27 zu folgen - direkt in ein Panzergefecht. Karl Stürzenberger wurde frei gelassen, mußte sich aber ein paar Tage vor der SS verstecken, da diese nach Personen suchte, die den Amerikanern geholfen hatten oder weiße Fahnen heraus gehängt hätten.

 

2002 © Copyright Peter Domes -  Datum der letzten Änderung: 22.09.2013